Open Access10.4324/9781315759302.CH15
Global care chains
Helma Lutz,Ewa Palenga-Möllenbeck +1 more
- 05 Oct 2015
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TL;DR: Halina€ubernimmt in einigen Fallen die Sterbebegleitung, wof€ur sie nicht ausgebildet ist und obwohl ihre Sprachkompetenzen daf€ur kaum ausreichen as mentioned in this paper.
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Abstract: Als Halina im Jahre 2003 zum ersten Mal nach Deutschland zur Arbeit fahrt, ist sie bereits 42 Jahre alt. Die Entscheidung, aus Polen nach Deutschland zu migrieren, fiel ihr schwer; ihr Vater, ein AuschwitzUberlebender, versuchte sie zur€uckzuhalten. Zu diesem Zeitpunkt war Halina bereits seit sieben Jahren Witwe und versuchte, sich und ihre drei Kinder mit einem sehr geringen Einkommen als Lohnbuchhalterin zu ernahren; zudem hatte ihr Mann hohe Schulden hinterlassen, die sie abzahlen musste. Trotz eines MA-Abschlusses in Europaischem Verwaltungsrecht war es ihr nicht gelungen, eine angemessene Stelle zu finden. In den nachsten vier Jahren betreut sie alte, krankeMenschen, verbleibt jeweils f€ur zwei bis drei Monate bei den Pflege-EmpfangerInnen im Modus der 24 Stunden Abrufbereitschaft; zunachst arbeitet sie illegal, spater €uber eine Vermittlungsagentur, die einen Teil ihres Einkommens einbehalt. Ihr Monatslohn betragt 1000 €, wovon Sozialleistungen in Polen zu entrichten sind. Wie alle anderen CareMigrantinnen kehrt sie regelmasig f€ur einige Wochen in ihren Heimatort zur€uck, um die Kinder zu sehen und ihren eigenen Haushalt zu organisieren; in dieser Zeit wird sie am Arbeitsort von einer anderen Migrantin ersetzt. In vier Jahren wechselt sie sieben Mal den Haushalt bzw. Arbeitgeber, da ihre Pflegebed€urftigen sterben oder auf Wunsch der Angehorigen in ein Pflegeheim €uberf€uhrt werden. Halina €ubernimmt in einigen Fallen die Sterbebegleitung, wof€ur sie nicht ausgebildet ist und obwohl ihre Sprachkompetenzen daf€ur kaum ausreichen. Ihre j€ungste Tochter ist zum Zeitpunkt der ersten Arbeitsaufnahme sechseinhalb, ihr Sohn, der Lernprobleme hat, ist sechzehn Jahre alt. Die zur€uckbleibenden Kinder werden abwechselnd zunachst von der altesten Tochter, die allerdings nach abgeschlossenem Abitur ins Ausland geht, dann von verschiedenen Verwandten und von einer Freundin betreut. Es gelingt Halina ihre monatliche Wohnungsmiete zu zahlen, ihre kranken Eltern und ihre Kinder zu unterst€utzen; allerdings leidet sie unter der Isolation am Arbeitsort, der psychischen Belastung durch die Pflege von Schwerstkranken (Krebs, Alzheimer) und an der Trennung von ihren Kindern. Nach vier Jahren kehrt sie vor allem wegen der prekaren Betreuungssituation ihrer j€ungsten Tochter nach Polen zur€uck, wo ihre Zukunft auf dem Arbeitsmarkt allerdings schlecht bleibt. Der Begriff Global Care Chains wurde von den amerikanischen Soziologinnen Arlie Hochschild (2000) und Rhacel Parreňas (2001) gepragt und gilt heute als wichtige Analysekategorie f€ur das Verstandnis der weltweit registrierten feminisierten Migration. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Nachfrage nach Care-Arbeiterinnen sowohl in den Industrielandern der westlichen Welt als auch in den Mittelschichtund Oberschichthaushalten Asiens (Indien, Singapur, Hongkong, etc.), desMittleren Ostens (Saudi-Arabien, Libanon, Agypten etc.) wie auchMittelund Lateinamerikas in der letzten Dekade exponentiell gestiegen. Die Internationale Arbeitsorganisation geht von vorsichtigen Schatzungen aus und beziffert die Anzahl der im Haushalt Erwerbstatigen auf 53 Millionen, wovon 83 Prozent weiblich sind (ILO 2013, S. 19). Unter Care-Arbeit verstehe ich physische und emotionale Aktivitaten, die der Versorgung, Betreuung, Erziehung, Beratung, Pflege und Unterst€utzung von abhangigen und nicht-abhangigen Mitgliedern eines Privathaushalts dienen; dabei geht es um ein breites Spektrum von Personen(Care) und sachbezogenen
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